Frühlingspost 2026

No self – no problem

 

Disclaimer: Was jetzt folgt, ist mein persönliches Verständnis von Achtsamkeitsmeditation. Ich will hier keine Wahrheiten beanspruchen oder Aussagen über ultimative Realitäten behaupten und mich auch nicht zum buddhistischen Gelehrten aufschwingen (ich bin gar kein Buddhist, finde aber die buddhistischen Erklärungsmodelle der Realität und ihre Meditationspraxis faszinierend). Das Folgende soll einfach zum Nachdenken anregen und zum Verständnis von Meditation beitragen. Wenn Du damit nichts anfangen kannst oder willst, wirf es in den virtuellen Papierkorb.

 

Achtsamkeitsmeditation oder Einsichtsmeditation sind die deutschen Übersetzungen für die buddhistische Vipassanameditation. Das Wort Vipassana  hat zwei Wurzeln: Vi bedeutet in etwa klar / in allen Einzelheiten. Und Passana heißt in etwa Sehen / Erkennen. Vipassana ist also das klare Erkennen, wie die Dinge sind (daher Einsicht). In der Achtsamkeitsmeditation geht es darum, die Daseinsmerkmale des Lebens in jeder Erfahrung zu erkennen und zu verstehen, und damit die Ursachen unseres Leidens zu verstehen und diese Ursachen loszulassen.

 

Im Buddhismus sind die drei Daseinsmerkmale:

 

  1. Vergänglichkeit / Veränderlichkeit (nichts bleibt wie es war, alles kommt und geht aufgrund bestimmter Ursachen.)
  2. Ichlosigkeit / Substanzlosigkeit (Nichts existiert für sich selbst, alles entsteht und vergeht aufgrund von Ursache und Wirkung. Es gibt kein permanent existierendes, unabhängiges, abgespaltetes Ich, auch, wenn es sich so anfühlt.)
  3. Leidhaftigkeit / Stress / Leid: Es gibt verschiedene Arten von Stress / Leid:
  • unvermeidliches Leid, z.B. Alter, Krankheit, Verlust, Tod…
  • Leid, verursacht durch die fehlende Einsicht in die Vergänglichkeit, was u.a. dazu führt, dass wir angenehme Phänomene festhalten wollen und ihnen hinterherrennen oder Angst haben, sie zu verlieren. Wir haben dann die Illusion, das würde funktionieren, wenn wir nur den Trick herausfänden, wie wir die Phänomene kontrollieren könnten. Viele Menschen glauben sogar, Meditation wäre so ein Trick, jedenfalls, wenn sie anfangen zu meditieren.
  • Leid verursacht durch das Festhalten an der Illusion eines permanent existierenden „Ichs“. Anders ausgedrückt: Die fehlende Einsicht, dass in meinem Fall „Lothar“ ein sich ständig verändernder Prozess ist und kein festes „Ding“ oder „Ich“ oder eine „Seele“, die ich retten oder verteidigen muss oder Angst haben muss, sie zu verlieren.

 

Die Einsicht in die „Ichlosigkeit“ (auf Pali „Anatta“ – kein Selbst) ist der Kern der buddhistischen Lehre. Diese Einsicht kann sich spontan einstellen ohne jegliche Meditationsmethoden, z.B. in Extremsituationen, während intensiver Naturerfahrungen, unter Einfluss von psychedelischen Substanzen, in Träumen, wenn Dich ein Baby anschaut oder einfach beim Warten an der Kasse des Supermarktes. Achtsamkeitsmeditation ist (für mich) die beste Technik, um systematisch Schritt für Schritt die Identifikation mit dem „ich“ zu lösen.

 

Die Systematik liegt nicht darin, das „Nicht-Ich“ zu suchen – wie soll ich auch etwas finden, das nicht existiert? Die Systematik liegt darin, den Geist erstmal ein bisschen zu beruhigen und die Aufmerksamkeit ein bisschen zu stabilisieren, um dann das Erleben von Moment zu Moment genau anzuschauen (Vi-passana eben). Dadurch werden die Sinneserfahrungen mit der Zeit immer klarer. Das Sehen / Hören / Spüren / Denken / Sehen von inneren Filmen / Fühlen von Emotionen – alles unpersönliche Phänomene, die kommen und gehen. Und das Ich ist eine Zusammenballung und Wechselwirkung von diesen Phänomenen, ohne Kern und eigene Substanz.

 

Auf der psychologischen Ebene entsteht die Einsicht, dass diese Zusammenballungen nicht einmal eine einzige einheitliche Persönlichkeit bilden, sondern viele Teilpersönlichkeiten (Innere Anteile), die je nach Kontext entstehen und wieder vergehen, wenn sich der Kontext ändert (kleiner Werbeclip: der Innere Anteile Kurs beginnt Mitte Mai, es gibt noch freie Plätze). Und dass in meinem Fall keiner der vielen „Lothars“ der „wahre“ Lothar ist, sondern, dass das Bewusstsein, in dem diese Teilpersönlichkeiten erscheinen und sich wieder auflösen, anatta (ohne selbst = nicht Lothar), grenzenlos, leer, unpersönlich, und in gewisser Weise unendlich friedvoll und liebevoll ist.

 

Das Ich / Selbst / Ego (mitsamt seiner Teilpersönlichkeiten) ist aus meiner Sicht wie ein Regenbogen. Er entsteht auf Grund bestimmter Bedingungen und existiert so lange, bis die Bedingungen wegfallen. Wir können ihn nicht greifen oder festhalten oder an seinen Enden in der Erde verankern. Er ist Teil des Himmels und nicht abgetrennt davon, er ist real und wunderschön und entsteht und vergeht, so wie alles. Und der Himmel, in dem er erscheint, ist davon völlig unberührt.

 

Je mehr wir das zunächst theoretisch und dann durch die Meditation als direkte Einsicht verstehen, umso weniger Angst müssen wir davor haben, „Niemand zu sein und Nirgendwo hinzugehen“, wie Ayya Khema ein Buch betitelte. Insofern: No Self – No Problem 😊

 

Dass in letzter Zeit auch die Neurowissenschaft und die Bewusstseinsforschung mehr und mehr zu den gleichen Ergebnissen gelangen, ist sehr ermutigend und interessant, wie ich finde. Dazu gibt es einen tollen TED-Talk von Anil Seth.

Und ein sehr ästhetischer Dokumentarfilm, den ich empfehlen möchte: Aware – Reise in das Bewusstsein.


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Winterpost 2025

Nimms nicht so persönlich 😊
 
In der Achtsamkeitsmeditation geht es methodisch darum, von Moment zu Moment das Erlebte…
a)    zu realisieren oder zu registrieren, also zu bemerken, dass es gerade erlebt wird,
b)    anzuerkennen und zu erlauben, dass es da ist, statt es automatisch zu bewerten und entsprechend darauf zu reagieren,
c)    mit Interesse zu erleben: Wie verhält es sich? Ändert es sich, wird es stärker, schwächer oder verschwindet es? Ist es angenehm / unangenehm / neutral? Ist es mit anderen Phänomenen verknüpft?
d)    nicht persönlich zu nehmen, also sich nicht mit dem Erlebten zu identifizieren.
 
Das RAIN-Akronym
 
Michele McDonald hat dazu das RAIN-Akronym erfunden (
Recognize; Allow; Investigate; Non-Identification). R-A-I oder die oben beschriebenen Punkte a,b und c sind meistens leicht nachvollziehbar, aber wenn es zur „Nicht-Identifikation“ kommt, starten oft die großen Diskussionen und Verwirrungen.
 
Das ist sehr schade, weil die Nicht-Identifikation mit Erfahrungen und die Erkenntnis, dass sogar das Ich-Gefühl auch nur eine konstruierte Erfahrung ist (eine Art nützliche Selbsttäuschung), der Kern der ganzen Achtsamkeitspraxis ist und zu Weisheit und Mitgefühl führt.
 
Die Perspektive der Zeugin / des Besitzers / der Beschenkten
 
Bevor das geliebte Ego, das Ich-Gefühl, erkannt und durchschaut wird, beginnt der Geist erstmal, sich in der Meditation von der Identifikation mit den Erfahrungen zu lösen, die das „Ich“ macht. Aus meiner Sicht gehen die meisten Meditierenden diesen Zwischenschritt. Dazu möchte ich 3 Metaphern anbieten, die vielleicht helfen können. Das „Ich-Gefühl“ wird dabei noch gar nicht angerührt, und es entsteht trotzdem sehr viel Weisheit und Mitgefühl:


Ich kann mich mit einem
„Inneren Zeugen“ identifizieren. „Ich“ bin in dem Fall derjenige, der meditiert, der die Aufmerksamkeit lenkt und der das Erlebte bezeugt. Wenn ich so meditiere, kann ich das Beobachtete / Erlebte wie ein Schauspiel auf der Bühne des Bewusstseins beobachten. Da sind Sinneserfahrungen (Geräusche werden gehört, Gerüche gerochen, Gedanken gedacht, Gefühle gefühlt, körperliche Empfindungen gespürt etc.). Die Zeugin bewertet und interveniert nicht, sondern nimmt nur aufmerksam wahr, und zwar aus einer sicheren Perspektive. 
 
Die zweite Metapher ist die der 
„Besitzerin“. Aus dieser Perspektive sind alle Erfahrungen mein Besitz. „Ich“ besitze meinen Körpers, meine Gedanken, Gefühle, meine Sinneswahrnehmungen, aber ich bin nicht mein Besitz. Du kannst diese Perspektive mal einnehmen und ausprobieren, indem Du die folgenden Sätze kontemplierst: „Ich habe Körperempfindungen, aber ich bin nicht mein Körper. Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle. Ich habe Probleme, aber ich bin nicht meine Probleme. (etc. etc.)“
 
Aus dieser Perspektive nehme ich die Erfahrungen nicht so persönlich und kann auch die unangenehmen besser tolerieren, annehmen und mich dafür interessieren. Sie gehören dazu. Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen.
 
Die dritte Metapher ist die einer
„beschenkten Person“, mit der sich das Ich, das Ego, identifizieren kann, und aus deren Perspektive die erlebten Erfahrungen wahrgenommen werden können. Jeder Atemzug, jede Körperempfindung, jeder Gedanke, jede Emotion, jedes Geräusch etc. wären dann Geschenke des Lebens. Und wenn die Geschenke schmerzhaft sind, kann es sein, dass gleich noch die Angst, der Ärger, die Hilflosigkeit oder die Verzweiflung mitgeliefert werden. Kann ich alle Geschenke höflich annehmen und genau betrachten? Ich muss ja nicht alle mögen, aber wenn mir das Leben nun mal diesen Moment präsentiert, kann ich mich dafür interessieren und ihn mit Achtsamkeit und Mitgefühl erleben?
 
No Self – No Problem
 
Sich nicht mit dem Erlebten zu identifizieren, führt bereits zu einer großen Erleichterung. Aber die Meditationsreise ist an der Stelle noch nicht zu Ende. Wenn wir lange genug meditieren und sorgfältig alle Erfahrungen bezeugen und erleben, werden die Achtsamkeit und die Moment-zu-Moment-Konzentration immer stärker.
 
Dann häufen sich die Momente, in denen auch das erlebende „Ich“ nur eine Erfahrung ist, die aus den gleichen Bestandteilen zusammengesetzt ist wie alle anderen Erfahrungen, und die genauso veränderlich und substanzlos ist wie alles andere auch. 
 
Äääh, und dann? Was soll denn da übrigbleiben? Löse ich mich dann auf? Werde ich verrückt? Geht meine Welt unter? – Natürlich nicht! Ganz im Gegenteil - nur, weil ich über den Tellerrand schaue, verschwindet doch der Teller nicht. Mehr dazu in der Frühlingspost 2026. Als teaser schonmal das Zitat von Joseph Goldstein, das zeigt, wo es hinführt: No Self – No Problem.
Oder, wie es Angelus Silesius im 17. Jahrhundert ausdrückte:
 

Ich weiß nicht was ich bin – Ich bin nicht was ich weiß:
Ein Ding und nicht ein Ding: Ein Stüpfchen und ein Kreis.